Bikepacking-Abenteuer durch die Sahara

Marokko → Mauretanien → Iron Train in die Wüste → mit dem Rad zurück an die Küste. Ob das gut geht? Spoiler: Es geht. Aber anders, als man denkt.

Wir wollten’s genau so: nicht nur „eine Tour“, sondern ein Erlebnis, das im Bauch sitzt. Der Plan war simpel und komplett bescheuert zugleich: mit dem Rad über die Grenze von Marokko nach Mauretanien, dann mit dem Iron Train (dem berühmten Erz-Zug) raus in die Sahara, und von dort mit den Rädern zurück Richtung Küste.

Und dann stehen wir da. Letzter Ort vor der Grenze. Viel Müll, eine Tankstelle, eine Art Apotheke – und dieses Gefühl: Jetzt gibt’s kein gemütliches Zurück mehr.

Tag 1 – Ankommen am Rand der Karte & rein in die Nacht

Wir kommen in diesem letzten marokkanischen Ort an (Gando… ich nenn’s einfach: „Grenz-Vorhof“). Es ist fast 18 Uhr. Normalerweise würde man jetzt was essen, kurz planen, schlafen. Wir? Steigen aufs Rad und fahren los – 90 km Richtung Grenze, wissend, dass wir in die Nacht geraten.

Der Sand ist fein, die Luft trocken, die Lichter müssen an. Und während ich eigentlich Sand liebe, merke ich sofort: Atmung komisch, ständig am Rotzen, der Körper braucht Anpassung. Aber mental? Voll da. Ich bin aufgeregt – so richtig. Dieses „abseits der normalen Pfade“ ist heute kein Spruch, sondern Realität.

An der Grenze wird schnell klar: nachts geschlossen, zu gefährlich. Also Unterkunft suchen – und da beginnt der nächste Film: Kommunikation mit Händen und Füßen, kaum Englisch, viel Französisch (zum Glück regelt Til). Alles ist laut, anders, intensiv. Ich bin nicht mal kaputt – ich bin einfach überladen. Kulturschock, aber auch: lebendig.

Learning Tag 1: Abenteuer beginnt nicht in der Wüste – sondern im Kopf. Und der Kopf muss lernen, Chaos auszuhalten, ohne sofort Kontrolle zu wollen.

Tag 2 – Grenze, No-Man’s-Land & rein ins Chaos von Mauretanien

Frühstück an der Grenze. Ich bin nervös und gleichzeitig erstaunlich klar. Dann geht’s los: Marokko raus – trotzdem wirst du durchsucht, Taschen abtasten, alles öffnen, Stempel bekommen.

Dann dieses No-Man’s-Land zwischen den Ländern: Müll, Plastik, Leere. Und kurz darauf: Mauretanien-Grenze. Erwartung: 7 Stunden Stress. Realität: chaotisch, aber machbar – wenn du zwei Regeln checkst:
1. Immer höflich
2. Immer respektvoll

Und ja: wir geben einem Typen in orangener Weste etwas Geld, damit wir schneller durchkommen. Klingt schräg – ist dort Praxis. Foto, Passkontrolle, Hundekontrolle, Gedrängel für den Stempel. Du grinst, du nickst, du hoffst, dass dein Gesicht „harmlos“ sagt.

Dann: Willkommen in Mauretanien. Straßensperren. Kontrolle. Immer wieder. Tipp des Tages: Zettel vorbereiten (Name, Passnummer, Route, Grund der Reise). Du gibst ihn ab – Diskussionen sterben sofort.

Später kommen wir in Nouadhibou an: Chaos, Lärm, Benzin, Plastikgeruch. Eselwagen, Ziegen, überall Hupen – und die legendären Mercedes-Taxis kreisen wie Haie. Ich kriege Kopfschmerzen von Luft und Hitze. Wir holen Wasser, Decken – alles für den Zug.

Am Bahnhof: keine Zeiten. Keine Anzeige. Kein Plan. Nur Menschen, Gepäck, Warten. Und irgendwann – mitten in der Nacht um 1:20 Uhr – kommt er: der Iron Train.

Und dann wird’s hektisch. Aufspringen. Hochklettern. Fahrrad über Kopf. Hände schwarz. Eisenstaub überall. Einmal fast abgeschmiert. Aber dann sitzt du drin. Und der Zug setzt sich in Bewegung.

Learning Tag 2: Wenn ein System keine Regeln hat, brauchst du eigene: Höflichkeit, Respekt, Vorbereitung – das ist dein Survival-Kit.

Tag 3 – Iron Train: Staub, Sterne & die harte Landung in der Wüste

Schlafen? Eher so: wegdämmern zwischen Lärm, Ruckeln und dem Gefühl, dass dieser Zug jederzeit alles zermalmt. Der Eisenstaub ist brutal. Er kriecht überall rein: Nase, Mund, Kleidung, Haut. Turban hilft – aber nur, wenn du ihn konsequent nutzt.

Nach ~11 Stunden sind wir mitten in der Wüste: nichts außer Sand. Und genau da merkst du, wie surreal dieser Trip ist: Du wolltest Sahara – jetzt bist du Sahara.

Dann kommt die Ankunft (Choum/Region): Ausladen ist Chaos, Kinder, Gedränge, du musst aufpassen, dass nichts verschwindet. Wir lassen als Dank Geld und Decken da – aber gleichzeitig: Fokus auf unser Zeug. In so einem Moment kann’s schnell passieren.

Und dann schlägt die Wüste zurück: Hitze um die 30°, Schatten gibt’s nicht, Wasser wird knapp, Körper müde, Essen hängt dir irgendwann zum Hals raus. Ich merke richtig, wie mir die letzten Nächte ohne Schlaf die Beine wegziehen.

Wir versuchen weiter – aber irgendwann ist klar: das kippt. Kein Wasser, keine Kraft, noch ein Pass… also machen wir das, was ich selten so konsequent mache: Plan loslassen.

Daumen raus. Ein LKW hält.

700.000 km auf dem Tacho (und die Nadel steht), wilder Fahrstil, Musik laut – aber der Fahrer bringt uns in die nächste Stadt. Atar. Zimmer. Dusche. Essen. Kaltes Getränk. Und aus dem schwarzen Eisenstaub wird langsam wieder „Mensch“.

Learning Tag 3: Stolz ist teuer. Flexibilität rettet Leben. Manchmal ist „aufgeben“ einfach nur „richtig entscheiden“.

Tag 4 – Rückenwind im Kopf: Brot, Weite & echte Gastfreundschaft

Nach einer Nacht Schlaf sieht die Welt plötzlich wieder aus wie ein Ort, an dem man 100 km fahren kann – vielleicht sogar mehr.

Wir rollen durch Ebenen, sehen Kamele, sehen Tod (Kadaver am Straßenrand) und dann, völlig unerwartet: Grün. Genau das macht diese Tour so krass: Ein Moment ist Sand und Knochen – der nächste ist Leben und Farben.

Und dann passiert’s: Wir halten kurz wegen Wasser – und werden direkt zum Essen eingeladen. Reis mit Hühnchen. Einfach so. Ohne Theater. Ohne „Warum“. Genau für solche Momente fährt man Rad durch Länder, die man nicht kennt.

Am Ende stehen 150 km auf dem Tacho, obwohl 100 geplant waren. Wir campen hinter einer Sanddüne, 50 Meter von der Straße weg. Zelt, Ruhe, und dieses Gefühl: Heute war gut.

Learning Tag 4: Das Beste an der Wüste ist nicht die Landschaft – es sind die Menschen. Gastfreundschaft ist hier kein Event, sondern Standard.

Tag 5 – 120 km Nichts: Windgeschenk & Nachtetappe

Morgens: top erholt. Der Wind steht richtig. Wir ballern teilweise 36 bis fast 40 km/h – Rückenwind wie ein Cheatcode. Und wieder dieser Gedanke: Andersrum wäre das ein brutaler Kampf. Tausend Kilometer Gegenwind? Du musst wirklich tapfer sein.

Dann kommt die große Etappe: 120 km durch die Wüste. Und damit meine ich: wirklich durch. Eine Hütte, bisschen Wasser, sonst nichts. Kein Supermarkt. Kein „mal kurz“. Nur du, Straße, Wind, Staub.

Wir fahren rein in die Nacht. Stockdunkel. Du siehst kaum, aber du musst weiter. Irgendwann erreichen wir eine Tankstelle und das Abendessen ist… sagen wir: funktional. Wasser, Pringles, Mountain Dew. Klingt wie ein Witz – ist aber genau das, was in dem Moment funktioniert.

Learning Tag 5: In der Wüste wird Komfort zu Luxus. Du lernst: Energie ist Energie – und „gut genug“ ist oft perfekt.

Tag 6 – Sahara-Kino: Dünen, Nasenbluten & Nouakchott-Overload

Heute ist Sahara, wie man sie sich vorstellt: Dünen wie gemalt, Kamele, diese Film-Optik. Ich bin kurz einfach nur happy.

Aber die Luft ist trocken, der Wind schiebt Sand überall rein – und ich kriege Nasenbluten. Turban hilft – aber im Sturm das Ding wieder anzuziehen, während Blut läuft, ist… keine Glanzleistung.

Zwischendurch machen wir so einen kleinen „Hack“: kurz an ein Auto hängen/ziehen lassen, Tempo erhöhen – einfach weil’s die Laune hebt. Kleine Dinge, große Wirkung.

Und dann der Kontrast des Todes: Du kommst aus der Stille der Wüste und rollst nach Nouakchott rein. Lärm, Gerüche, Hunde, Verkehr, Chaos. Es ist wieder dieses Gefühl: Gerade eben war niemand da – jetzt ist alles da.

Wir finden eine Unterkunft, schlafen endlich richtig. Danach: Fischmarkt. Sandsturm, gelbe Luft, eingeschränkte Sicht – und trotzdem dieser Moment, der alles zusammenfasst: wild, dreckig, intensiv, aber unfassbar echt.

Learning Tag 6: Die Sahara ist nicht nur Sand. Sie ist Kontrast-Therapie: Stille vs. Chaos – und du lernst, in beidem klarzukommen.

Fazit – Meine Top 3 Learnings aus dem Sahara-Trip

1) Respekt ist die stärkste Währung.
An Grenzen, Checkpoints, im Chaos: höflich + respektvoll = Türen gehen auf.

2) Pläne sind gut – aber Anpassung ist besser.
Wasser weg, Hitze zu hart, Schlaf fehlt: Dann zählt nicht „durchziehen“, sondern entscheiden.

3) Weniger Auswahl = mehr Dankbarkeit.
Essen, Wasser, Schatten, Schlaf – du lernst brutal schnell, was wirklich wichtig ist. Und genau das bleibt hängen.

Zur ganzen Sahara Bikepacking Serie

Hier ist nochmal die ganze Route

Published On: Januar 9, 2026Categories: Bikepacking1391 words7 min read