RuhrtalRadweg mit dem Rennrad: 240km Überraschung pur!
Ehrlich gesagt: Das Ruhrgebiet stand für mich nie für unberührte Natur, idyllische Flusstäler und epische Radwege. Mein Kopfkino war – wie vermutlich bei vielen von euch – geprägt von dichter Industrie, rauchenden Schloten und endlosen Autobahnbändern. Aber was, wenn ich dem „Pott“ damit komplett unrecht tue? Genau das wollte ich herausfinden.
Ich habe mich auf mein Rennrad gesetzt und den kompletten RuhrtalRadweg unter die schmalen Reifen genommen. Mein Ziel: Meine eigenen Vorurteile komplett zu zerschlagen und mich von dieser Reise eines Besseren belehren zu lassen. Spoiler vorab: Es kam völlig anders als gedacht!
Der Start im Sauerland: Von der Quelle bergab
Die nackten Zahlen der Route haben es in sich: Knapp 235 bis 240 Kilometer von der offiziellen Ruhrquelle mitten im tiefen Sauerland bis dorthin, wo die Ruhr schließlich im mächtigen Rhein mündet. Das Spannende an diesem Flussradweg ist das massive Höhenprofil zu Beginn – es rollt über weite Strecken erst einmal konstant bergab.
📍 Highlight 1: Die Ruhrquelle (Winterberg)
Der offizielle Startpunkt der Tour liegt auf rund 654 Metern Höhe im Rothaargebirge nordöstlich von Winterberg. Ein kleiner, schattiger Waldplatz mit einem Gedenkstein markiert den Ursprung des Flusses. Sie kommt aus dem Wald als kleiner Bach und wird dann später zu diesem riesengroßen Fluss – mich persönlich erinnert das sehr an den Start meines Moselradweg-Videos (hier gerne verlinken). Von hier aus geht es auf den ersten Kilometern erst einmal angenehm bergab.
Der Start morgen war noch recht frisch, aber dafür absolut idyllisch. Da der absolute Großteil der Strecke perfekt asphaltiert ist, war die Entscheidung für das Rennrad genau richtig. Es rollt in der ersten Hälfte einfach herrlich.
Fachwerk und Idylle: Durch den Arnsberger Wald
Nachdem man Orte wie Olsberg und Meschede passiert hat, merkt man schnell: Der Radweg ist extrem gut ausgebaut. Man kommt zügig voran, fliegt regelrecht an den Landschaften vorbei und befindet sich oft in einer perfekten Kombination: Eine Sekunde ist man in einer Stadt, wo man sich top verpflegen kann, die nächste Sekunde ist man wieder tief in der Natur – komplett abseits von Autos und Lärm.
🏰 Highlight 2: Historische Altstadt Arnsberg
Etwas weiter flussabwärts im Naturpark Arnsberger Wald triffst du auf die historische Altstadt von Arnsberg. Sie liegt oben auf einem Hügel und wird fast vollständig von einer engen Schleife der Ruhr umflossen. Ein Spaziergang durch die kopfsteingepflasterten Gassen mit ihren schmucken Fachwerkhäusern, dem alten Glockenturm und dem Maximilianbrunnen lohnt sich sehr.
Die Radfahrer-Hypnose im grünen Ruhrtal
Ab der Hälfte der Strecke setzte bei mir eine Art Radfahrer-Hypnose ein. Einfach nur noch treten, den Moment genießen und dem Zischen des Windes zuhören. Kilometer und Zeit sind einfach wie im Flug vergangen.
Besonders faszinierend: Obwohl man sich einer der am dichtesten besiedelten Regionen nähert, leitet einen der Weg fast zu 90 % durch geschützte Naturgebiete, vorbei an Alleen und sogar Störchen. Weil der Weg die Städte so elegant meidet, sollte man allerdings die Augen nach einer Tankstelle oder einem Supermarkt offenhalten, sobald das Wasser in den Flaschen knapp wird!
🚲 Der Radler-Helmtrick für den schnellen Stopp:
Wenn ihr allein unterwegs seid und kurz in den Supermarkt springt: Zieht einfach den Riemen eures Helms durch die Speichen des Vorderrads und klickt ihn fest. Wenn jemand in Hektik euer Rad greifen will, blockiert es sofort. Das verschafft euch im Ernstfall ein paar wertvolle Sekunden!






Industriekultur und Ritterburgen rund um Witten & Hattingen
Sobald man den Raum Witten erreicht, taucht man tief in die Geschichte der Region ein. Wer die Augen offenhält (oder sich die Abstecher fest in die Route einplant, um sie nicht wie ich im Rausch der Geschwindigkeit zu verpassen), findet hier echte Schätze:
⚒️ Highlight 3: LWL-Museum Zeche Nachtigall (Witten)
Willkommen im Muttental, der „Wiege des Ruhrbergbaus“! Das Industriemuseum Zeche Nachtigall liegt perfekt direkt am Radweg. Hier kannst du hautnah erleben, wie im Ruhrgebiet vor Jahrhunderten die Kohleförderung begann, und sogar historische Stollen besichtigen. (Wisst ihr eigentlich, woher der Begriff „Zeche prellen“ kommt? Schreibt es mir mal in die Kommentare!)
🏰 Highlight 4: Ruine Hardenstein (Witten)
Nur ein kleines Stück weiter triffst du auf die idyllisch im Grünen gelegenen Überreste dieser mittelalterlichen Burg direkt am Flussufer. Ein besonderes Erlebnis ist hier auch die kleine Ruhrtalfähre „Hardenstein“, die Radfahrer und Fußgänger übersetzt.
🏡 Highlight 5: Historische Altstadt & Henrichshütte (Hattingen)
Hattingen bietet einen der schönsten historischen Stadtkerne der Region. Der Abstecher (nur ca. 2 km abseits der Hauptstrecke) lohnt sich wegen der engen, verwinkelten Gassen und den rund 150 liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern. Wer noch mehr Industriekultur sucht, kann hier auch das LWL-Industriemuseum Henrichshütte (ein ehemaliges Eisenhüttenwerk) besuchen.
Das große Finale: Über Essen nach Duisburg
Weiter flussabwärts öffnet sich das Tal und es wird richtig mondän. Hier zeigt das Ruhrgebiet, wie viel Lebensqualität und Naherholung in ihm stecken.
⛵ Highlight 6 & 7: Baldeneysee & Villa Hügel (Essen)
Der größte der sechs Ruhrstauseen ist ein absolutes Naherholungs-Highlight. Der Radweg führt direkt am Ufer entlang, vorbei an Segelbooten und einladenden Promenaden. Erhaben auf den Hügeln darüber thront die Villa Hügel, das ehemalige Wohn- und Repräsentationshaus der Industriellenfamilie Krupp. Das monumentale Gebäude aus dem 19. Jahrhundert ist von einem weitläufigen Park umgeben und ein echtes geschichtliches Highlight der Route.
Nach diesem wunderschönen Abschnitt wird die Zielgerade ab Mülheim an der Ruhr leider deutlich unentspannter. Der Asphalt wird spürbar schlechter, Wurzelaufbrüche nehmen zu und die Beschilderung lässt nach. Hier muss man im Finale noch einmal konzentriert bleiben, bevor das große Ziel in Sicht kommt.
🍊 Highlight 8: Rheinorange & Innenhafen (Duisburg)
Das beeindruckende Finale der Tour! An der Flussmündung in Duisburg-Ruhrort trifft die Ruhr schließlich auf den Niederrhein. Die Stelle wird durch das „Rheinorange“ markiert – eine weithin sichtbare, 25 Meter hohe, leuchtend orangefarbene Stahllandmarke. Ein perfekter Ort für das finale Zielfoto! Zum Ausklang der Tour bietet sich danach der nahegelegene Duisburger Innenhafen mit seinen Cafés und Restaurants an.
Mein ehrliches Fazit & Flussradweg-Ranking
Meine Vorurteile wurden komplett zerschlagen. Der RuhrtalRadweg ist landschaftlich wunderschön, grün und zu großen Teilen ein Traum für das Rennrad. Im direkten Vergleich zu anderen Routen, die ich gefahren bin, sieht mein persönliches Ranking aktuell so aus:
Moselradweg
Altmühltalradweg
Bodensee-Umrundung
Weserradweg
RuhrtalRadweg (Vorne top, hinten raus verliert er leider etwas an Qualität)
Wer die geschichtlichen Highlights und schönen Altstädte wirklich sehen will, sollte die Route vorher genau planen und bewusste Abstecher machen – sonst fliegt man, so wie ich, auf dem perfekten Asphalt oft einfach daran vorbei.













